Darum sollten wir uns negativen Gefühlen und Erlebnissen stellen

Die Welt der Spiritualität (und manchmal auch der Psychologie) kann sich sehr unecht anfühlen. Instagram und andere soziale Medien sind voll von Tipps, wie wir uns von negativen Gedanken oder Energien fern halten können.

Aber Gefühle wie Ärger, Angst und Trauer gehören genauso zu unserem Leben wie Freude, Interesse und Glück. Wir leben in einer Welt der Polaritäten, die miteinander korrespondieren. In der Natur und Physik finden wir viele Beispiele, wie gegensätzliche Kräfte miteinander arbeiten. Das Prinzip der Männlichkeit und Weiblichkeit, Tag und Nacht, und auch das Plus und Minus in einem Elektromotor funktionieren auf dieser Basis. Gegensätzliche Kräfte in uns und um uns herum erzeugen Spannungen, doch ohne sie wird es keine Bewegung oder Weiterentwicklung geben. Sie treiben uns an und sie helfen uns dabei, uns selbst zu definieren.

Sobald wir aber versuchen, schwierige Erfahrungen oder Gefühle zu vermeiden, trennen wir uns von dieser Verbindung. Wir schaffen wir uns eine harmonische Blase und die Gefahr besteht, dass wir emotional verkümmern.

                           Ob es Ihnen gefällt oder nicht: In einem geschützten Raum der behaglichen Freude werden wir nicht wachsen.

Wenn Sie sich selbst dazu bringen, negative Gefühle zu unterdrücken, wird dies nicht ohne Folgen bleiben. Die Konflikte schwelen weiter in unserem Bewusstsein und eine Verdrängung wird sie sogar noch weiter verstärken.

Emotionen sind die Boten unseres Unterbewusstsein. Sie geben uns Hinweise darauf, welche Lektionen im Leben wir noch vor uns haben. Es ist also nicht klug, sie weg zu schicken, nur weil sie gerade unbequeme Nachrichten überbringen.

Zwingen wir uns also nicht zu einer positiven Haltung, wenn uns überhaupt nicht danach ist. Stattdessen sollten wir das Leben in all seinen Facetten leben. Stellen wir uns auch den häßlichen Seiten des Lebens und wachsen wir daran.

June Singer, eine bekannte amerikanische Psychologin, formulierte es so:

Es ist eine einfache Sache zu sagen „Sei du selbst“, aber eine ganz andere Sache zu wissen, wer du wirklich bist. Wie kannst du du selbst sein, wenn du dieses Selbst nicht kennst? Daher wird der Prozess der Individuation zu einem Streben nach Selbsterkenntnis.

Falsche Positivität kann sogar schädlich sein. Ist eine Person über längere Zeit hinweg niedergeschlagen oder verstimmt ist, kann dies ein Zeichen dafür sein, dass sich zu viele negative Erlebnisse und Enttäuschungen in uns aufgestaut haben. Der Ratschlag, uns auf positive Dinge zu konzentrieren, kann das Gefühl bewirken, selbst daran schuld zu sein, wenn wir uns nicht selbst aus dem Strudel der negativen Gefühle befreien können. Diese Schuldgefühle sind dann ein zusätzlicher Ballast, der uns  immer tiefer runterzieht.

Ein Klient geht nicht zu einem Therapeuten oder Life Coach, weil gerade alles in seinem Leben bestens läuft. Er sucht Hilfe, weil er in einem Gewirr aus negativen Gedanken und Emotionen verheddert hat. Eine unvoreingenommene dritte Person kann dem Klienten helfen, wieder klarer zu sehen. Diese schwierige Aufgabe setzt einiges an Knowhow und auch Ausdauer voraus. Es kann eine Weile dauern, bis sich der Klient von der Vergangenheit mit all seinen schmerzlichen Erinnerungen gelöst hat. Ein Ratschlag wie „sei du selbst“ oder „konzentriere dich auf das Positive“ kann zu Frustration und Misserfolgen führen.

Die Sehnsucht nach einer einfachen Lösung für Konflikte entspricht auf erschreckende Weise der Haltung unserer Konsumgesellschaft. Wir lieben die weißen romantischen Sandstrände, vergessen aber den Müll, den wir dort hinterlassen. So wie wir mit unserer Umwelt umgehen, handhaben wir auch unsere Gedankenwelt. Was uns nicht passt, wird einfach weggelächelt. Aus den Augen, aus dem Sinn. Negative Gefühle und Probleme sind etwas durchaus Reales und so sollten wir uns besser mit unserem Innenleben auseinandersetzen. Denn alles, was wir wegwerfen, wird wie ein Bumerang zu uns zurück kommen und uns auf die eine oder andere Weise treffen.

Die Arbeit an sich selbst braucht Zeit, was jeder seriöse Life Coach oder Therapeut bestätigen wird. Wenn Sie sich also das nächste Mal schlecht fühlen, bitte ich Sie einfach inne zu halten und dieses Gefühl zuzulassen. Das Wahrnehmen des Istzustands wird Ihre erste Aufgabe sein. Werden Sie also ehrlich mit sich selbst. Und wenn Sie den Weg der persönlichen Weiterentwicklung gehen wollen, ist dies durchaus ein wichtiger Schritt.